„Fragt nicht so viel, macht einfach“ – Der Aufruf zum Aufbruch im Klassenzimmer

Rednerin auf der Bühne vor einem Banner mit der Aufschrift „Zeit statt Hetze“

Was einst als visionäre Initiative begann, ist heute eine zentrale Kraft für den Wandel des Bildungssystems: Schule im Aufbruch (SiA) versteht sich längst nicht mehr nur als Ideengeberin, sondern als systemische Begleiterin für Schulen auf dem Weg in die Zukunft. Im Gespräch macht Margret Rasfeld deutlich, warum dieser Wandel dringender ist denn je – und warum Schule zum Schlüssel für gesellschaftliche Transformation werden muss.

Warum braucht es Schule im Aufbruch heute dringender denn je?

SiA braucht es heute dringender denn je, weil unsere Kinder und Jugendlichen in einer Zeit von Polykrisen, Unsicherheit und gesellschaftlicher Spaltung aufwachsen – und sie dafür innere Stärke, Zuversicht und Gestaltungskraft brauchen.

Das alte Schulsystem bereitet noch zu oft auf Anpassung und Konkurrenz vor, obwohl die Zukunft Menschen braucht, die kooperieren, Verantwortung übernehmen und kreativ Lösungen entwickeln können.

Viele junge Menschen erleben Schule als Ort von Druck, Angst und Sinnverlust; wir brauchen aber Lernorte, an denen Potenziale sichtbar werden und Selbstwirksamkeit entsteht. SiA zeigt seit Jahren ganz praktisch, dass eine andere Lernkultur möglich ist: mit Beziehung, Partizipation, Verantwortung und Lernen für die Welt von morgen.

Gerade jetzt braucht es mutige Schulen, die Hoffnung geben und junge Menschen stärken, damit sie unsere Demokratie und eine lebenswerte Zukunft aktiv mitgestalten können.

„Mein Credo lautet: Wer Leistung will, muss Sinn anbieten.“

Margret Rasfeld

Kritiker*innen befürchten oft, dass durch „freies Lernen“ die Leistung sinkt. Was entgegnest du diesem Leistungsparadoxon?

Mein Credo lautet: Wer Leistung will, muss Sinn anbieten. Nachhaltiges Lernen entsteht nicht durch Druck, sondern durch Sinn, Beziehung und Selbstwirksamkeit. Kinder und Jugendliche leisten mehr, wenn sie Verantwortung übernehmen dürfen, eigene Fragen verfolgen und erleben, dass ihr Lernen Bedeutung hat – genau das zeigen viele innovative Schulen und auch die Lernforschung.

Das eigentliche Leistungsparadoxon ist doch: Obwohl der Druck ständig steigt, verlieren immer mehr junge Menschen die Freude am Lernen und ihre intrinsische Motivation. Schulen wie die Evangelische Schule Berlin Zentrum (ESBZ) zeigen, dass Schüler*innen ohne Gymnasialempfehlung durch diese Sinnhaftigkeit Spitzen-Abiturquoten erreichen können.

Oft hören Schulen auf zu träumen, weil sie sagen: „Wir haben keine Zeit“. Wie löst Schule im Aufbruch dieses strukturelle Zeitproblem?

Das Zeitargument ist oft ein Ausdruck von Fantasielosigkeit innerhalb starrer Strukturen. Wir regen dazu an, außerhalb der Box zu denken: Zum Beispiel könnten Oberstufenschüler*innen die Jüngeren unterrichten, um dem Kollegium Zeit für pädagogische Tage zu verschaffen, oder Eltern könnten einen Tag lang ihre Berufe vorstellen. Es geht darum, sofort nach Zeiträumen zu suchen und die Strukturen so anzupassen, dass der innere Wandel überhaupt Platz findet. Transformation braucht genau diese Freiräume.

SiA löst das Zeitproblem nicht durch „noch mehr Programme“, sondern durch eine andere Lernkultur mit klaren Prioritäten: weniger Stofffülle, mehr selbstorganisiertes und sinnorientiertes Lernen. Dadurch entstehen langfristig weniger Reibungsverluste durch Kontrolle, Disziplinierung und Motivationsprobleme. Schulen beginnen meist mit kleinen, machbaren Schritten – und erleben, dass Beteiligung, Verantwortung und Vertrauen nicht zusätzlich Zeit kosten, sondern Zeit und Energie freisetzen.

Margret, was ist deine wichtigste Botschaft an alle Schulen, die am Anfang ihres Aufbruchs stehen?

Fragt nicht so viel, macht einfach. Habt den Mut, euch wieder daran zu erinnern, wofür Schule eigentlich da ist: junge Menschen zu stärken – nicht sie passend zu machen für ein System, das selbst in der Krise ist. Veränderung beginnt mit einer anderen Haltung: dem Vertrauen in das Potenzial jedes Kindes. Fangt klein an, aber fangt an. Und: Geht den Weg nicht allein. Aufbruch gelingt dort, wo Menschen sich verbinden, Erfahrungen teilen und gemeinsam Hoffnung lebendig halten. Gemeinsam für etwas einzustehen, statt nur gegen etwas zu kämpfen, ist das Narrativ, das uns als zukunftsmutige Gesellschaft zusammenbringt.

Porträtfoto von Margret Rasfeld

Info

Mitgründerin und Gesellschafterin von Schule im Aufbruch

Margret Rasfeld zählt zu den renommiertesten Stimmen für den Bildungswandel im deutschsprachigen Raum. Mit Schule im Aufbruch setzt sie sich seit vielen Jahren dafür ein, Schule neu zu denken und als Ort für Sinn, Potenzialentfaltung und gesellschaftliche Verantwortung zu gestalten.

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